24. Juni 2020 | Einfach selbst den Job gekündigt – ohne etwas konkret Neues!

Es wird sehr persönlich: Das war es nun – Volume 2!

Sehr schweren Herzens gab ich letztes Jahr meine Selbstständigkeit auf, um am Jahresanfang in einer Festanstellung als strategische Produktmanagerin meine Leidenschaft, Erfahrung und mein Fachwissen einbringen zu können. Was für eine Gelegenheit! Für einen großen Konzern eine markttaugliche technische Strategie in der Embedded Kamera Welt entwickeln. In einem kleinen Dreierteam. Für einen explodierenden Markt dank Rasperry, Jetson SoC, MIPI und KI. Klang sehr verlockend und vielversprechend. Ich hatte mich total darauf gefreut.

Ich war noch bis vor rund drei Jahren sehr lange in einer volldigitalen Firma mit einer hervorragenden Infrastruktur. Hatte dort als Produktmanagerin zur Kommunikation eine eigene Intranet Rubrik. Blog und Präsentationen waren für jeden abrufbar, hausinterne Schulungen konnten gebucht werden. Ich hatte mich schweren Herzens mit einem Ticketsystem angefreundet, ein Content Management System befüllt und Lastenhefte gleich in Meilensteinen elektronisch abgelegt. Eine sehr produktive Infrastruktur um mich herum mit einem konstruktiven Team, viel Leidenschaft und tiefen Fachwissen erlebt. Das weiß ich heute erst so richtig zu schätzen. Danke!

Dann wurde ich im Januar 2020 gefühlt zurück in die 90er Jahre gebeamt. Jeder Tag kam mir wie ein Murmeltiertag vor. Im kleinsten Büro, was ich in 3 Jahrzehnten hatte. Stücklisten-Kalkulationen in Excel. Hunderte Seiten Powerpoint erstellt, die jetzt in irgendwelchen Serverordnern liegen. Unscharfe Vorgaben bekommen. Wiederholt Newsletter und Pressetexte in zig Varianten abgeliefert. Roadmap und Spezifikations-Grundlagen in Word eingetippt. Nie eine Präsentation vor einer Gruppe gehalten. Ich, die über 350 Vorträge hielt und gar einen TED Vortrag geschafft hatte. Es gab kein Intranet oder CMS. Eine klassische Meetingkultur erlebt. Endlos Papier ausgedruckt. Mangels konkreter Faktenlage, Organigrammen und Ansprechpartnern konnte ich ausserhalb der U-Boot Projekte leider kein großes und produktives Netzwerk bilden. Wo ich doch extrem kommunikativ bin und eine eigene Talksendung im Radio hatte. Dort mit meinen Gästen über Working-out-Loud und Shared Leadership sowie Führungskultur gesprochen hatte. Digitalisierung und Transformation, nix von dem habe ich selbst auch nur im Ansatz erleben dürfen.

Ich habe wirklich an mir gezweifelt. Ich habe die Welt nicht verstanden. „Ich passe hier nicht hinein, und ich kann es nicht verändern“, diesen Gedanken hatte ich schon sehr früh. Ich sendete Signale. „Ja, ich verstehe dich jetzt erst…“ sagte ein Kollege, der mittlerweile auch nicht mehr an Bord ist.

Ich wurde einfach nicht in den hierarchischen Ebenen installiert. Es gab keine interne Info, dass ich an Bord bin. Ich stand nicht einmal in der Excel-Telefonliste. Ich hatte keinerlei Befugnisse. Der Sinn meiner Tätigkeit lies mich von Monat zu Monat immer mehr zweifeln. Nix bewegen zu können. Fast alle Ergebnisse waren nicht gut genug und dann für den Papierkorb. Konstruktives Feedback hatte ich schon gefordert… nun ja, erfolglos. Greift das zu kurz, wenn ich einfach sage: „Hat halt nicht so gepasst.“?

Die Kompensation durch immer mehr Mehrarbeit führte vor Wochen zu den ersten inneren tiefen Verbrennungsanzeichen. Halt, sagte ich mir! Und zog die Notbremse, indem ich letzte Woche kündigte. Einfach so. Ohne das ich eine Hängematte hatte. Sondern das ich erst mal abschließe. Und das habe ich heute mit meinem letzten Arbeitstag gemacht. Es gab die Tage eine ganz emotionale Abschiedskarte des Schweizer Teams, dazu Naschies und Rotwein. Gesammelt von vielen Menschen dort, denen ich etwas bedeute und die auch sehr viel in mich gesetzt haben. Die ich nun leider enttäusche. Was mir sehr weh tut.

Nun komme ich erst mal wieder durch 3 Wochen Urlaub auf die Beine. Denn ich hatte in der Probezeit unerlaubterweise eine komplette Urlaubssperre. Es ist im Leben auf der Strecke geblieben, auch ich selbst. Aber ich habe noch genügend Resilienz und Energie. Beruflich ist noch nix in trockenen Tüchern, aber es öffnen sich gerade Türen und es gibt Gespräche. Mal sehen, wo ich wirklich geschätzt werde und ich mich mit aller Leidenschaft einbringen darf!

Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich nur sagen, wenn dir etwas über längere Zeit einfach nicht gut tut und dir deine Energie raubt, dann ziehe die Bremse, bevor du auf der Strecke bleibst. Und dann kommt alles andere wieder von alleine. Auch wenn du das zuerst nicht glaubst und deiner Angst einen Raum gibst.


Nachtrag Oktober 2020: Mein Kollege, der nach mir zur vertrieblichen Verstärkung auch eingestellt wurde, hat am gleichen Tag gekündigt und ist mittlerweile wieder bei seinem alten Arbeitgeber. Der Dritte im Bunde ist noch an Bord und versucht, sich zu etablieren. Ich habe mittlerweile als technische Leiterin (CTO) wieder eine Festanstellung gefunden. In einer kleinen inhabergeführten Firma, die mich sehr herzlich aufgenommen hat. Da passe ich absolut hinein. Und darf auf ausdrücklichen Wunsch auch Veränderungen herbeiführen. Das nenne ich mal Wertschätzung. So sollte es sein!

Ich habe viele Nachrichten auf diesen Blogartikel bekommen. Positiv und negativ. Zeitweilig hatte ich diesen Text dann offline gesetzt. Bei LinkedIN habe ich über 600 Personen in meinem Netzwerk und erreichte eine vierstellige Klickrate. Es gab viele Kommentare, Telefonate und persönliche Reaktionen von ehemaligen Kollegen, die ähnliches erlebt hatten. Meine Erfahrungen gebe ich auch in zwei aktuellen Podcasts wieder:

Lebensunternehmer Podcast mit Johannes Ellenberger

Produktmanagement Talk #3 mit Jürgen Bühler: